Palaver 24 Bindungen am 28. November

Konzept und Ablauf der Veranstaltung s. Palaver 19.

Kernzeit am Samstag von 16:00 bis ca. 18:30 Uhr.

Bindungen

„Was eigentlich macht aus dem Leben menschliches Leben? Was, wenn nicht dies, dass Menschen sich binden- an andere Menschen, an sich selbst, an andere Lebewesen, an ihre Umwelt? Wer ohne solche emotionalen Bindungen lebt, mag existieren- leben tut er nicht“. (Kohlross, kollektiv neurotisch, S. 12).

Man kann auch sagen: Bindungen sind notwendig zur Entwicklung von Persönlichkeit und Charakter. Jedenfalls sind sie von Bedeutung.

Schwerpunktmäßig geht es mir nicht um Bindungen des Säuglings zur Mutterbrust oder Mutterstimme, auch nicht um traumatische Kindheitserfahrungen und dadurch resultierende Bindungsstörungen, auch nicht nur um Bindungsängste in Beziehungen. Das ist ja verbreitet Thema. Sondern um gelingende Bindungen, bei Kindern und Erwachsenen. Um Ermunterung, sich von Frustrationen durch die Welt nicht den Umgang vermiesen zu lassen, sich weiter entwickeln zu wollen und zu lernen: leben eben.

Wie können nun erfolgreiche Bindungen zustande kommen?

Zuerst einmal muss Kontakt überhaupt stattfinden, und zwar analoger Kontakt. Dieser ist aus verschiedenen Gründen allgemein weniger geworden, unter anderem in hohem Maße verdrängt durch Zeiten am Bildschirm. Kontakte mit Menschen im Netz sind entkörperlicht, es fehlt an Atmosphäre und entsprechend an emotionalen Reaktionen. Es sind zwar mehr Kontakte möglich, aber die Qualität leidet. Aus verschiedensten Gründen kein Ersatz für direkten Umgang. Auch Informationen über die Welt, wie sie vermehrt zugänglich sind und oft schlau vorgetragen werden, sind keine Welterfahrungen und ersetzen nicht den direkten Umgang. Direkter Umgang, wie er früher z.B. in einer spielebasierten Kindheit mit freiem Spiel verbreitet möglich war.

Den Biokulturhof sehe ich als einen Ort, wo dieser direkte Kontakt möglich ist: zu anderen Kindern und Erwachsenen, zu Tieren, zu vielfältigem Material und Gegebenheiten.

Es muss aber dazu kommen, dass Eltern sich trauen, ihre Kinder auch loszulassen. Auch risikoreiche Spiele gehören dazu. Da hat sich aber auch wohl vieles geändert in den letzten Jahrzehnten. Kinder werden mehr behütet, dürfen nicht mehr alleine wohin usw. Die nach 1995 geborene Generation Z wird auch als Generation Angst bezeichnet. Da wirkt sich wohl die allgemeine Angst auch der Eltern aus. Nicht nur, was alles den Kindern passieren könnte, sondern auch die Angst vor Infektionen, das gesteigerte Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. Die Kontrolle der Kinder in der realen Welt hat zugenommen, währen die smartphonebasierte Kindheit eher in einem unkontrollierten Raum stattfindet, dafür aber umso schädlicher ist. Genannt sei nur die abnehmende Fähigkeit, sich länger zu konzentrieren bzw. an einer Sache im realen Leben dranzubleiben bis zum Ende. Das ist etwas anderes, als nicht mehr loszukommen von etwas endlosem, weil viele Funktionen im Internet darauf abzielen, insbesondere junge Menschen an den Haken zu kriegen: Abhängigkeit.

Angst, die ich auch auf emotionale Verletzungen ausgeweitet hat: was sollte nicht mehr gesagt werden, in welche sicheren Räume kann man sich zurückziehen.

Durch die geschilderten Entwicklungen sind viele in einer Art Verteidigungsmodus unterwegs statt mit Lust auf Erkundung. Es findet eher eine Bindungserosion statt mit krankmachenden Folgen: Zunahme von Depressionen und Suiziden gerade unter jungen Menschen.

Zurück zur Ausgangsfrage: flüchtiger und oberflächlicher Kontakt wird für Bindungen nicht reichen.
So einfach nebenbei ist der Welt nicht beizukommen

Eine erfolgreiche Bindung kann dann zustande kommen, wenn Widerstände und Grenzen der Welt eingeordnet und akzeptiert werden können, ohne dass nur Überforderung bleibt, sondern eben auch Zuwendung/Zugehörigkeit/Resonanz. Natürlich müssen wir uns nicht mit allem und jedem verbünden, auch Distanzierung mag bisweilen angebracht sein.

Verständnis und Zugehörigkeit durch Erkenntnis, das könnte man als Bildung definieren. Wo aber findet das überhaupt noch statt. Dazu braucht es Lust und Zeit.

Schule z.B. leistet das kaum. Dort muss in einer bestimmten Zeit ein bestimmter Stoff durch. Dann wird abgefragt und letztlich aussortiert: Leistungslernen. Verständnis mag bei einigen vorkommen, das Ziel ist es meist nicht. Durch Zeitbegrenzung werden langsamere oft regelrecht abgehängt, insbesondere in Fächern wie Chemie. Schade drum. Auch hier könnten Kenntnisse zu  Weltverständnis beitragen.

Hier noch mal ausgeführt, um was für Bindungen es geht:

– zu Menschen (Mutter, Familie, Soziales Netz, Gesellschaft)

– auch sehr wichtig: zu sich selbst (nach der Mutter?)

– zu Tieren, anderen Lebewesen

– zu der übrigen Welt(Biologie, Chemie, Physik), eben auch: zu Dingen

– zu Tätigkeiten: Bäume pflanze Klavier spielen, Rommee,

– zu Geschichten, Erzählungen, religiöse Bindungen

Die mangelnden Möglichkeiten zur Welterkundung und die dadurch bedingte fehlende Übung durch Internetzeit, Überbehütung und Leistungslernen führt evtl. schnell zu Überforderung.

Bei kleinen Kindern kann sich das in Wutanfällen äußern: Ein zweijähriges Kind auf dem Dreirad kam hier auf dem Hof mal nicht zwischen zwei zu eng stehenden Tischen durch. Tische auseinanderrücken? Oder vielleicht einfach zeigen, dass es außen rum einen Weg gibt. Ein Schritt zum Weltverständnis!

Bei Großen gibt es diese Überforderungen natürlich genauso. Führt dann vielleicht zu regressivem Verhalten, zum Aufbau von Feindbildern, zu Sucht.

Viele Grenzen dieser Welt muss man einfach aushalten und annehmen und den Umgang damit lernen. Manchmal sind Eltern gut, das Kindern zu vermitteln: jetzt kannst du noch nicht jonglieren, aber wenn du größer bist, kannst du es lernen.

Manchmal haben Eltern ihre eigenen Grenzen: das ist mir zu laut.

Schaut man in Literatur zum Thema Bindungen, kann man den Eindruck gewinnen, als gingen alle Frustrationen der Kindheit von den Eltern aus. Als ob die Welt der Kinder nur aus den Eltern bestünde.

Naja, ist in gewisser Weise auch so. Durch Erosion von Familie und sozialen Netzen sind jedenfalls auch auf diesem Gebiet die Kontakte und möglichen Bindungen reduziert. Dazu trägt übrigens auch die schon angesprochene Angst bei: was kann durch „Fremde“ alles passieren. Dabei lauern die Sexualstraftäter nicht im Wald, sondern im Internet. Auch die Nachbarn sind oft fremd. Und Fremde sollen sich gefälligst aus der Erziehung raushalten. Von wegen: “es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“

In dem Zusammenhang auch überdenkenswert: Die Reduzierung von Bindungen durch ausufernden Selbstbezug und Innenschau statt Weltbezug und Handlung. S.a. Hartmut Rosa: „nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig“ Oder neben der virtuellen auch die spirituelle Weltflucht, die unserem Leben in der Welt nicht dienlich sind.

Was können wir also tun?
In allen angesprochenen Bereichen den analogen Kontakt ausweiten bzw. Vorrang einräumen! Den Erkundungsmodus beibehalten.

Das ist nicht immer so einfach: Bisweilen sind Kinder hier glücklich und strahlen, wenn sie eine Katze streicheln oder auf dem Traktor sitzen. Das betrifft auch Erwachsene. Kleine Situationen, eins mit der Welt, in der sich die Grenzen auflösen können.

Dann kommen Erwachsene, holen ihr Smartphone heraus und distanzieren sich so von der Situation.
Auch die Kinder holt es evtl. heraus: „guck mal her“.

Allgemein: auch kleine Alltagssituationen bewusster ausleben statt nur zu erledigen um extra abgetrennte Zeit zu haben für Meditation und Achtsamkeit.