Zu Konzept und Ablauf der Veranstaltung s. Palaver 19
Palaver 23 Handlungsspielräume
Zukunft? Machen!
Mal langsam: Was für eine Zukunft? Und Warum? Und wie machen?
Zukunft: positiv. Ich greife mal den Gedanken meiner letzten Neujahrsepistel auf. Es gibt durchaus Situationen, z.B. hier auf dem Biokulturhof, in denen das Gefühl entsteht: ja, so könnte es anders gehen. So könnte artgerechte Menschenhaltung aussehen. Ich hatte angeführt: sich zwischen Tieren bewegen, mit anderen Menschen zusammen sinnvolles herstellen, als Kind Raum und andere Kinder zu haben, um sich und die Welt zu entdecken.
Diese primären Gefühle, die aus einer momentanen Situation heraus entstehen, werden jedoch meist nicht handlungsrelevant. Sonst müsste man ja auch erschüttert schlussfolgern, dass wir in diesem bescheuerten System selbst einfachste Dinge des sozialen Zusammenlebens nicht geregelt kriegen. Und das ist ja nur ein Bereich. Stattdessen nimmt die Vereinzelung zu. Kinder wachsen vermehrt in Single-Haushalten auf. Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem mit seiner Geldvermehrung und seinem Ressourcenverbrauch zerstört die Lebensgrundlagen und letztlich auch die Menschen.
Und so gibt es genug Menschen, die unter dem System leiden. Sowohl die, die sich schlau anpassen, erfolgreich sind und sich fast alles leisten können, aber trotzdem keinen Sinn sehen, als auch die, die an den Rand gedrängt werden und hinten runterfallen als auch die, die sich nur so weit nötig anpassen, ansonsten vieles kritisch sehen, aber nicht wissen, wie es anders gehen könnte.
Man kann dann, auch gemeinsam mit anderen, darüber jammern, dass zu wenig Zeit ist, der Stress zu groß, die Befriedigung zu klein, die Energie fehlt, aber diese Art von sekundären oder abdeckenden Gefühlen dienen letztlich auch nur dazu, die Situation durch kurzes Dampf ablassen zu stabilisieren
Vorsichtshalber oder alternativlos geht es nach einer kurzen Episode zurück ins Hamsterrad. Dort sind die zu spielenden Rollen bekannt und eingeübt. So gibt es Sicherheit. Die soziale Rolle, die Rolle bei der Arbeit, die Rolle als Konsument, der notwendige Urlaub. Da greift eines in andere. Etwas zu verändern, indem man weniger konsumiert oder weniger Urlaub macht, geht kaum, weil bestimmte Kompensationen auch gebraucht werden.
Ich möchte eine andere Welt zeigen und für diese Welt gestaltend unterwegs sein.
Das ist auch eine Art Bekämpfung des Systems, aber mehr eine Aushöhlung von Innen durch Nutzung von Handlungsspielräumen. Bei dem Neuen müsste es sich um etwas handeln, das sowohl im Äußeren wie im Inneren etabliert ist. Also nicht nur neue Projekte. Hierbei gibt es schon äußere Widerstände genug: die Gesetzeslage, die oft lebensfeindlichen Vorschriften. Die allgemeine Tendenz, das Leben auf exakte vollziehbare oder abzuarbeitende Schritte zu reduzieren(Hamsterrad) nimmt häufig die Lust, überhaupt initiativ zu werden.
Zudem gibt es eben noch innere Widerstände: alte Verhaltensmuster, die bei Veränderungen nicht mehr tragen und deshalb zu Konflikten führen. Die müssten bearbeitet werden. Das müssen nicht nur Traumata sein, also im ursprünglichen Sinne stark verletzende Einschläge, bei denen die Nichtbearbeitung eine Überlebensstrategie darstellte. Bei allen möglichen herausfordernden Situation können sich ja Verhaltensmuster herausbilden, die in der Situation hilfreich sind und die wir dann aus Gewohnheit beibehalten. Um die Welt zu verändern, reicht es aber nicht, auf gewohnte Verhaltensmuster zurückzugreifen. Und auf solche, mit denen wir Konflikte nur umschiffen, schon gar nicht.
Man kann z.B. davon ausgehen, dass in unserer Gesellschaft jeder mehr oder minder große Mühe damit hat, sich gut und wertvoll zu fühlen. Von wegen Grundwillkommen. Und so haben zwar viele Menschen das Bedürfnis nach Gemeinschaft, um nur einen Bereich zu nennen, gleichzeitig aber Angst, sich zu öffnen, nicht gut dazustehen, die Fassade nicht zu wahren. Das alles manchmal unbewusst. Und so endet es doch wieder wie im System eingeübt mit Individualismus, Distanz und Kampf.
Die im Folgenden angeschnittenen praktischen Tätigkeitsfelder könnten meist in verschiedenste Richtungen wirken: Gemeinschaftsförderung, gegenseitige Unterstützung statt Konkurrenz, weniger System, weniger Markt, weniger Geld
1.) Diskurse fördern.
In der Lebenswelt der Menschen ist es hilfreich, wenn miteinander geredet wird, um etwas in Richtung Gemeinsinn oder Gemeinschaft zu bewegen.
Bedingungen:
-es muss auf eine Art geschehen, die zumindest Konsens und Wahrheit möglich erscheinen lässt. Stehen wir jedem seine individualistische oder subjektive Wahrheit zu, braucht man nicht mehr mit Argumenten zu kommen. Dann bleibt jeder mit seiner Wahrheit für sich. Die Nachteile und Grenzen des Pluralismus.
– wenn wir in der Diskussion gegeneinander kämpfen und die Diskussion gewinnen wollen, lassen wir es zu, dass Prinzipien des Systems (Durchsetzung, strategische Handeln) immer weiter in die Lebenswelt eindringen.
– wenn ich mich in meiner Meinungsblase so einrichte, dass ich gar nicht mehr argumentieren brauche und mit einigen oder vielen besser gar nicht reden sollte, z.B. weil „die“ eh das falsche Menschenbild haben, dann festigt das nur das System und das Prinzip jeder gegen jeden. Meinen Halt beziehe ich dann daraus, dass ich genau weiß, wo ich hingehöre und wen ich bekämpfen muss.
2.) Nur so viel Arbeitskraft auf dem Markt verkaufen, wie unbedingt nötig.
Dann gibt es vielleicht noch einen Rest, mit dem man sinnvolleres anfangen kann, z.B. bei einer Solawi helfen, s.u. Da kann auch etwas für eine rumkommen, aber vielleicht bescheidener und nicht unbedingt Geld Auch wer selbständig ist, verkauft zwar nicht direkt seine Arbeitskraft, muss aber evtl. auf dem Markt mit anderen konkurrieren
3.) Produktion vom Markt nehmen
Beispiele:
-solidarische Landwirtschaft. Jemand stellt etwas her, das wirklich gebraucht wird, und andere zahlen so viel oder tauschen etwas ein, dass er ein Auskommen hat.
– jede Art von Nachbarschaftshilfe. Gar nicht mehr vorstellbar, dass man früher so noch Häuser gebaut hat. Heute vielleicht: Hilfe beim Umzug. Denkbar: Handwerker, die sich unterstützen lassen. Oder auch weniger anspruchsvolle Projekte, die gemeinsam verwirklicht werden und bei denen etwas Sinnvolles herauskommt (begleitend: Diskurs, s.o.)
4.) Konsum reduzieren
– Konsum wo möglich einschränken. Das ist nicht immer so einfach, weil es ja im System eine entscheidende Komponente ist und alles dafür getan wird, dass es in die andere Richtung geht: Konsum und lifestyle, Entschädigung für sinnlose Arbeit usw. Nicht jede Förderung von Konsum ist als solche gleich zu erkennen. Bei Influencern und ihrem Unsinn vielleicht, aber es gibt ja auch systemkritische Podcasts, und die Leute müssen sich trotzdem am Markt verkaufen. Es gibt ganz viele Angebote, nicht nur was man unbedingt kaufen, sondern was man unbedingt machen muss, um wieder in seine Mitte zu kommen. Der Bedarf in unserem System ist groß. Alles Angebote, bei denen man zuvor erst mal zu Geld kommen muss, um sie sich leisten zu können. Darunter eben auch viele z. Teil stark esoterische Kurse und Heilangebote.
– Umsonst Läden oder Tauschmärkte
5) Trennung von Bereichen aufheben.
– wenn Handwerker sich unterstützen lassen, dann ist das ein Ansatz. Es könnte jedoch so weit gehen, dass Arbeitswelt und z.B. „Verwahrorte für Kinder“ nicht mehr total getrennt sind. Das hieße zugleich, dass in der Arbeitswelt nicht nur nach Rendite und Produktivität geschaut wird, sondern gleichzeitig noch pädagogische Absichten erfüllt werden. Oder gemeinschaftsbildende.
– Trennung von Arbeit und Freizeit variabler machen. Wenn Arbeit nicht mehr nur abgeschottet ist und produktiv sein muss, sondern auch spielerisch usw., wird die Unterteilung in Arbeit und Freizeit durchlässiger.
6.) Die Wichtigkeit von Geld reduzieren. Gemeinsam wenig Geld zu haben, ist einfacher, als allein wenig zu haben. Bei gegenseitiger Unterstützung muss nicht alles über den Markt und damit Geld laufen.
7.) Bildung nicht nur Institutionen überlassen. Wenn es soweit ist, dass selbst Universitäten nur noch für den Markt verwertbares Wissen produzieren sollen, …
s. z.B. Reiseuni
8.) Freie Vereinbarungen treffen. Soweit wie möglich nicht an das geltende Recht anhängen.
Mit jeweils einer weiteren Partei ist das bei mir schon schiefgegangen, aber mit mehr Parteien könnte es so eine Art Gruppenzwang zur Einhaltung von Verabredungen geben.
9.) Dinge anfangen oder tun, ohne sich vorab um die Vorschriften zu kümmern: unter dem Radar
10. Zusammen Wohnen: z.B. Mietshäuser Syndikat
11. Zusammen kochen, zusammen essen.
