Zu Konzept und Ablauf der Veranstaltung s. Palaver 19
Palaver 22 Feinde
Wer kümmert sich eigentlich noch um die gemeinsamen Lebensgrundlagen.
Ist es denn nicht so, dass erst ein Miteinander die Basis für ein gutes Leben schafft.
Das scheint doch auf den ersten Blick leicht einsehbar. Wurde schon einmal mit einem Krieg etwas Gutes angerichtet? Im Krieg verlieren immer alle, zuerst den Zugang zur Menschlichkeit, dann Mitmenschen.
Auch der Kampf der Meinungsblasen im alltäglichen Gegeneinander zerstört die sozialen Grundlagen.
Warum ist es immer wieder so, dass Heil im Gegeneinander gesucht wird.
Irgendetwas ist da offenbar in uns angelegt, was immer wieder ansprechbar bleibt.
Und es ist ja nicht so, dass da etwas in unserer animalischen Grundausstattung anspringt, weil wir uns gegen einen unmittelbaren Angriff verteidigen. Junge Menschen, die in den Krieg geschickt werden, kennen ihre Feinde ja gar nicht. Da scheint mir die Sicht interessant, dass alle direkten Gewalttaten unter einzelnen Menschen oder kleinen Gruppen auf Grund von unkontrollierter Aggressivität, was die Zahl der Opfer betrifft, sehr klein sind im Vergleich zu dem, was angerichtet werden kann, wenn Menschen sich anpassen, mitmachen, kriegstüchtig werden.
Kulturelle Entwicklung mag die Aggressivität im Kleinen mildern, aber Krieg sehe ich als eine kulturelle Fehlentwicklung. Kriege werden von Staaten mit Interessen gegeneinander geführt, nicht von Menschen. Ebenso ist es wohl kaum so, dass im Inneren einer Gesellschaft das verständnisvolle Miteinander regiert und nur eine unmittelbare für jeden Einzelnen erlebbare Aggressivität von außen sie spontan reagieren lässt. Kriegsmentalität muss in der Regel durch Propaganda vorbereitet werden.
Auch im Inneren unserer Gesellschaft wird das Gegeneinander immer mehr kultiviert. Bekämpfen und ausgrenzen Andersdenkender spielt in unserer Gesellschaft eine immer größere Rolle. Der Weg zur Kriegstüchtigkeit wird bereitet.
Gegner bekämpfen, das könnte vielleicht noch an sportlichen Wettkampf erinnern, aber allenthalben taucht das Wort Feinde auf. „Unser größter Feind ist die AFD“, heißt es da bei der CDU. Da geht es wohl um Machterhalt. Moralische Empörung wird vorgetäuscht, inhaltliche Differenzen sind so groß nicht. Und Gegner oder Kritiker sind auch oft Feinde der Demokratie („unserer Demokratie“)
Niemand will so richtig dieses Gegeneinander, aber schuld sind eben die anderen. Das sind die Bösen.
Mit denen kann man nicht mehr reden und sollte man auch gar nicht, sonst besteht schon die Gefahr, dass man in der eigenen, klaren und absolut richtigen Sicht auf die Dinge irritiert werden könnte. Die haben einfach ein falsches Menschenbild usw.
Es gibt ein paar alte, im Grunde sehr primitive, aber eben erstaunlich wirksame Regeln, nach denen die Spaltung in Gut und Böse funktioniert.
Hier mal die Auflistung von Ponsonby, der auch formuliert hat: „Wenn ein Krieg erklärt wird, ist das erste Opfer die Wahrheit“.
– Der Führer des Gegners ist ein Teufel
– Wir wollen den Krieg nicht
– Das gegnerische Lager trägt die Verantwortung
– Wir kämpfen für eine gute Sache
– Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, wir nur versehentlich
– Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen
– Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm
– Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache
– Unsere Mission ist heilig
– Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter
Das ist vor ungefähr hundert Jahren formuliert. Der ganze Irrsinn wir deutlich, wenn man versucht sich klarzumachen, dass mit dieser Propaganda auf beiden Seiten gearbeitet wird. Wenn man sich Nachrichten über den Krieg in der Ukraine anschaut, dann ist es aktuell. Ponsonby war Staatsbeamter, kein Psychoanalytiker, aber er beschreibt, wie der Abwehrmechanismus Spaltung funktioniert.
Was wäre das Gegenmittel gegen diese Krankheit der Unfriedlichkeit?
Vielleicht hilft schon die Grundeinsicht, dass wir keine voneinander unabhängigen Individuen sind, sondern von vornherein (oder muss es hier heißen: vornheraus?) in Beziehung sind und dadurch geprägt werden. Auch von der Gesellschaft. Von daher sind wir mit allen verbunden und auch von allen abhängig. Und alle gehören dazu. Frieden und Gemeinwohl lässt sich nicht gegen andere herstellen, sondern nur mit Ihnen.
Friedliches Miteinander und auch Demokratie geht nur über Dialog bzw. konsensorientierte Kommunikation. Das aber kommt zunehmend abhanden. Natürlich ist es manchmal mühsam.
Gerade von unseren gewählten Volksvertretern sollten wir die Fähigkeit erwarten auch in schwierigen Situationen und mit schwierigen Gegenübern geduldig zu reden und auf Verständnis hin zu arbeiten.
Das aber ist nicht der Fall. Sie gehen mit schlechtem Beispiel voran. Und dann stellen sie immer wieder erstaunt fest, dass Gewalt überall zunimmt. Es geht eben nur noch um machtvolles durchsetzen. Wer nicht selbstbewusst alles kontert, was von anderen Parteien kommt oder von anderen Staatsmännern, wird auch nicht gewählt, weil er offensichtlich zu weich ist, zu empfindsam, zu menschlich für ein solches Amt.
Spätestens da müssen wir uns an die eigene Nase fassen. Wahrscheinlich haben wir eben die Regierung, die wir verdienen.Wir haben ein wirksames System, in dem all das gefordert wird: machtvolles durchsetzen, gut dastehen, Individualismus, tüchtiges funktionieren im Hamsterrad. Und das prägt uns.
Aber ich bin überzeugt, dass wir trotz allem Spielraum haben.
Wir könnten z.B. (wieder) lernen, andere Meinungen oder Kritik zu ertragen und es nicht gleich als Angriff auf die eigene Identität zu sehen. Wir sollten uns mit einer Meinung nicht so verbissen identifizieren, dass sie eben zur Ideologie wird, sondern Vorläufigkeit und damit Irrtum oder Korrektur in Betracht ziehen. Das mag in unserer Gesellschaft als Schwäche gelten, aber die sollten wir liebevoll bei uns und anderen annehmen. Aus Annehmen kann Stärke wachsen.
Wird der Wunsch nach bedingungsloser Übereinstimmung und Zugehörigkeit zu einer entsprechenden Blase nur durch Verdrängung der eigenen Ängste oder Aggressionen erreicht, deutet dies eher auf Haltlosigkeit. Und das verdrängte kommt an anderer Stelle machtvoll und unkontrolliert wieder. Sich selbst als gut zu sehen und die anderen als böse bringt dann die stabilisierende Vereinfachung. Da weiß man eindeutig, wo man steht.
Ich empfehle hierzu: „Kriegsnarrative als letzter Halt des Ich“ von Andreas Heyer
Eigene Stabilisierung kann man auch erreichen, indem man, ebenfalls vereinfachend und entsprechend gut und böse, in Opfer und Täter einteilt. Und zwar nicht(mehr) auf Grund von Verhalten, sondern von strukturellen Gegebenheiten. Farbige z.B. sind alle Opfer, weiße alte Männer alle Täter.
Erschreckend ist in den genannten Zusammenhängen, dass gegen die Bösen dann vieles erlaubt ist, was man sonst im Umgang nie rechtfertigen könnte. Und nicht nur im Krieg, wo dann töten erwünscht ist und jeder Treffer eine gute Tat.
Insofern erschüttert mich mehr Hass und Hetze aus der Mitte unserer Gesellschaft, also von den „Guten“, als von den radikalen Rändern, von denen ich kaum anderes erwarte.
